Call: (Reminder) AEM-Jahrestagung 2026

– Call for Abstracts

Deadline für die Einreichung von Abstracts ist der 31.01.2026

AEM-Jahrestagung 2026
Medizin und Zeit. Ethische Perspektiven
10.-12. September 2026, Oldenburg

Veranstalter
Abteilung für Ethik in der Medizin, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Tagungsverantwortlich: Prof. Dr. Mark Schweda


Die ausführliche Fassung des Calls sowie Hinweise zur Einreichung der Abstracts finden Sie hier.
Bitte laden Sie im Online-Formular ein Word-Dokument hoch, das Titel und Abstract enthält (keine Angaben zur einreichenden Person).

Call for Abstracts

Vorträge – Poster – Workshops – Satelliten-Workshops

Tagungsinhalt

Zeit kommt in Medizin und Gesundheitsversorgung eine ethisch zentrale Bedeutung zu: Zum einen prägen medizinische und pflegerische Perspektiven und Praktiken die zeitlichen Strukturen des menschlichen Lebens und beeinflussen die Erfahrung und Gestaltung entscheidender Lebensereignisse und -prozesse wie Geburt, Entwicklung, Fortpflanzung, Gesundheit und Krankheit, Altern, Sterben und Tod. Entsprechend fordern medizinische Entwicklungen – etwa im Bereich der Reproduktionsmedizin, der medizinischen Prädiktion und Prävention, der Behandlung chronischer Erkrankungen, der Lebensverlängerung oder Sterbebegleitung – gewohnte Zeiterfahrungen und „Lebenszeitordnungen“ heraus. Zum anderen nehmen ärztliches und pflegerisches Handeln, gesundheitliche Versorgung sowie medizinische Forschung selbst Zeit in Anspruch, sind oft zeitkritisch, wie z. B. in der Notfall- oder Transplantationsmedizin, und werden durch zeitliche Rahmenbedingungen wie institutionelle Zeitregimes in Krankenhäusern oder Pflegeheimen geprägt. Auch kollektive Zeitdimensionen wie soziale Beschleunigungsprozesse, wissenschaftliche Fortschritte oder die Abfolge der Generationen in Familie und Gesellschaft spielen eine wichtige Rolle.

Diese wechselseitigen Beziehungen zwischen Medizin und Zeit werfen vielfältige ethische Fragen auf: Welche moralische Relevanz haben zeitliche Aspekte wie individuelle Zeiterfahrung, Zeitmangel und Zeitdruck, gesetzliche Fristen und Altersgrenzen, die Unverfügbarkeit vergangenen Verhaltens oder die Unabsehbarkeit zukünftiger Folgen in Entscheidungs- und Handlungszusammenhängen des Lebens- und Versorgungsalltags? Welche moralischen Fragen werfen neue medizinische Möglichkeiten mit Auswirkungen auf die individuelle Zeiterfahrung und die Zeitstruktur des menschlichen Lebens auf, z. B. im Kontext der Fortpflanzungsmedizin, der medizinischen Prädiktion und Prävention, gesundheitlicher Vorausplanung, (radikaler) Lebensverlängerung oder datenintensiver genetischer Forschung? Wie sind zeitliche Faktoren und Rahmenbedingungen der Gesundheitsversorgung, etwa Karenz- und Wartezeiten, synchrone oder asynchrone Abläufe, Vergütungssysteme oder Nachhaltigkeitsgesichtspunkte, moralisch zu bewerten? Und wie lassen sich ethische Begrifflichkeiten, Ansätze und Methoden so konzipieren, dass sie der Bedeutung von Zeit und Zeitlichkeit in Medizin und Gesundheitsversorgung angemessen Rechnung tragen können?

Themenfelder

  • Ethische Bedeutung zeitlicher Aspekte in Medizin und Pflege: z. B. immanente Zeitstruktur gesundheitsrelevanter Prozesse wie Erkrankung, Genesung, Fortpflanzung, Altern, Sterben; subjektive Zeiterfahrung, etwa bei psychischen Erkrankungen, chronischem Schmerz oder begrenzter Lebenserwartung; Abwägungen von Lebenszeit und Lebensqualität, z. B. bei geriatrischen Behandlungen, Entscheidungen am Lebensende oder gesundheitsökonomischen Kalkulationen; institutionelle und gesellschaftliche Zeitressourcen und Zeitregime, z. B. Zeitdruck und Zeitknappheit im klinischen Alltag und Auswirkungen auf die Versorgungs- und Lebensqualität; spezifische zeitliche Dynamiken in Notfall-, Intensiv-, Transplantations- oder Palliativversorgung.
  • Einfluss medizinischer und pflegerischer Praktiken auf Zeiterfahrung und -gestaltung: z. B. Bedeutung von Prädiktion, Prävention und Vorausplanung für individuelles Selbstverständnis (z. B. „patients in waiting“) und gesundheitliche Eigenverantwortung; Auswirkungen von Diagnosen, Therapien und Prognosen auf subjektives Zeiterleben und Lebensqualität (z. B. Langzeitüberleben nach Krebs); Rolle von Phasen, Zäsuren und Übergängen wie Geburt, Kindheit, Volljährigkeit, Elternschaft, Klimakterium, Hochaltrigkeit im medizinischen und pflegerischen Kontext, z. B. in Re- produktions- (IvF, „Social Freezing“) bzw. Altersmedizin (Geriatrie, Anti-Aging); zeitliche Implikationen gesundheitlicher Vorausverfügungen; Status zukünftiger Personen im Kontext von Reproduktionsmedizin, Genomeditierung oder Embryonenforschung.
  • Stellenwert kollektiver Zeitdimensionen in Medizin und Gesundheitsversorgung: z. B. historische Gerechtigkeit mit Blick auf medizinische Forschung und Praxis in Kolonialismus oder Nationalsozialismus; intergenerationelle Verpflichtungen, etwa im Rahmen der familialen Pflege, der öffentlichen Gesundheitsfürsorge (z. B. Infektionsschutzmaßnahmen in der Pandemie) oder der Verteilung medizinischer Ressourcen zwischen Altersgruppen (z. B. Priorisierung von Kindern und Jugendlichen, Altersrationierung); Verantwortung für die Zukunft und junge sowie künftige Generationen angesichts medizinisch-technischer sowie ökologischer Entwicklungen wie etwa Ein- griffen in die Keimbahn, Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen, datenintensiver medizinischer Forschung oder gesundheitlicher Folgen des Klimawandels.

·       Temporale Implikationen medizinethischer Konzepte, Theorien und Methoden:

z. B. Bedeutung lebensgeschichtlicher Kohärenz für den Begriff der Patientenautonomie; zeitliche Perspektiven und Graduierungen von Wohlergehen, Lebensqualität und gutem Leben; Zeitdimensionen gerechtigkeitsethischer Diskussionen (z. B. Wartezeit oder Lebensalter als Verteilungskriterium); Rolle zeitlicher Kategorien wie Prozessualität, Biographizität und Narrativität in medizin- und pflegeethischen Konzeptionen und Argumenten; Relevanz langfristiger Zeithorizonte für forschungsethische Erwägungen (z. B. Broad oder Dynamic Consent, Technikfolgenabschätzung, Forecasting); methodische Herangehensweisen an Zeitlichkeit in (empirisch informierter) medizin- ethischer Forschung (z. B. Life course-Perspektiven, longitudinale Forschungsdesigns und Zukunftsszenarien); kritische Selbstreflexion der Medizinethik im Horizont ihrer eigenen Zeitlichkeit (z. B. Relevanz von Tradition und Fortschritt in der Medizinethik).